„Das ist doch endlich wieder ein echter GTI, oder?“ Selbst vor den Nachbarn machte das auffallend schicke Äußere des neuen Polo GTI nicht Halt. Wie richtig diese Bemerkung war, zeigte sich bereits auf den ersten Metern. Willkommen zu Hause! Sitzposition, Innenmaße und Motorsound erinnern tatsächlich entfernt an den Urahn aus den Siebzigern: Den Golf 1 GTI, der in sehr gutem Zustand inzwischen beinahe so viel kostet wie der Polo GTI neu: Mindestens 22.275 Euro sollten nach Wolfsburg überwiesen werden.

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Und da „der echte“ Golf GTI seiner Rolle als kleiner Hot Hatch entwachsen ist, muss nun der Polo herhalten. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die nicht mehr waren als ein leicht erstarkter Polo mit GTI-Abzeichen an Front und Heck, meint es dieser Polo GTI der Generation 6C offensichtlich ernst. So serviert VW endlich wieder eine Handschaltung und kombiniert diese mit beinahe einem halben Liter Hubraum mehr (1,8 statt 1,4). Na wenn das keine Ansage ist.

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192 PS und 320 Newtonmeter Drehmoment lassen den neuen Polo GTI bei Bedarf in 6,7 Sekunden auf 100 Km/h sprinten – und auch wenn unser dreitüriger Testwagen nur als auf 250 Newtonmeter gedrosselte DSG-Variante (mindestens 23.750 Euro) erschien, absolviert er diese Disziplin dank der superschnellen Schaltvorgänge exakt genauso schnell. Die schnelle Autobahnhatz ist dennoch nicht seine Stärke: Um den 1800er-Motor in die oberen Geschwindigkeitsbereiche zu bewegen, braucht es zwingend die sechste der sieben verfügbaren Fahrstufen. Dann allerdings machte sich eine offenbar nicht optimal sitzende Abdichtung der Beifahrertür bemerkbar und die Windgeräusche waren dementsprechend. Wer das noch ignorierte, bekam den kurzen Radstand zu spüren: Schnell gefahrene Kurven mit Unebenheiten sorgen für Unruhe im Fahrwerk, das ansonsten aber ordentlich abgestimmt ist: Grobe Verfehlungen deutscher Straßenbauer werden noch vor Erreichen der Bandscheiben herausgefiltert.

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Zeit also, sich mit den technischen Gimmicks unseres Test-Polos vertraut zu machen. Der kleine Bruder des „Discover Pro“ macht als größte Radio-Navigationseinheit „Discover Media“ für insgesamt 1.035 Euro seine Sache ausgezeichnet. Digitaler Radioempfang DAB+ (230 Euro) und die Möglichkeit, Smartphone-Applikationen über den Navigationsbildschirm anzuzeigen (MirrorLink, 170 Euro) werden extra berechnet. Die Klimaautomatik (Climatronic, 325 Euro) arbeitete zuverlässig und zugfrei, das Multifunktionslenkrad (320 Euro) nervte jedoch mit seinen von Tasten überfrachteten Speichen. Weniger wäre hier mehr. Die 920 Euro teuren Voll-LED-Scheinwerfer sehen zwar sehr gut aus und bieten eine ausgewogene Ausleuchtung, verfügen jedoch nicht über eine Fernlichtautomatik oder gar Kurvenlicht.

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Wobei Kurve das richtige Stichwort ist, denn hier ist der unter vier Meter kurze Polo in seinem Element: Wer sich traut, kann mit scharfem Anbremsen und elanvollem Einlenken ein drängendes Heck provozieren, das Fronttrieblern normalerweise so fremd ist wie der Schweiz eine unbeschränkte Autobahn. Mit entsprechendem Gaseinsatz zieht sich der GTI unter aufleuchtender Trakionskontrolle ab dem Kurvenscheitel wieder gerade – das macht Spaß und könnte mit entsprechenden Sommerreifen (Bild unten) noch um einiges verschärfter zugehen. Die auf dem Testwagen noch verbauten 215er Winterreifen kündigten jedoch ihre Haftgrenze recht früh an, weshalb wir das volle Potenzial des Polo GTI nicht erfahren konnten.

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Auf die Bereifung führen wir auch (teilweise) zurück, dass die elektromechanische Lenkung während der zwei Testwochen einen eher negativen Eindruck hinterließ. In der Stadt war die Leichtgängigkeit ein Segen, bei zügigerer Fahrt hätten wir uns jedoch gerne mehr Widerstand und vor allem Rückmeldung gewünscht. So wird sie bei zunehmender Geschwindigkeit zwar etwas schwergängiger, blieb jedoch in Sachen Direktheit und Unmittelbarkeit deutlich hinter den Erwartungen zurück. Möglicherweise kann dem das „Sport Select-Kit“ (285 Euro) ein wenig Abhilfe schaffen, das neben der Dämpfung auf Knopfdruck auch die Lenkung straffen soll.

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Dafür gab sich der Polo vergleichsweise genügsam beim Spritverbrauch. Nur unter erschwerten Bedingungen (Kurzstrecke unter fünf Kilometern oder hoher Volllastanteil auf der Autobahn) erreichten wir einen Wert von 12 Litern auf 100 Kilometer. Den 300 Kilometer langen Landstraßenabschnitt, der die beiden Kupplungen, die Winterreifen und nicht zuletzt die Anzeige der Schlupfregelung zum Glühen brachte, absolvierte er mit knapp 10 Litern. Im Durchschnitt sind auch acht Liter möglich. VW gibt als Durchschnitt 5,6 Liter auf 100 Kilometer für die DSG-Variante an (6,0 Liter für den Handschalter), die aber erfahrungsgemäß höchstens bei sehr konstanter langsamer Fahrt auf der Autobahn erreicht werden können. Dennoch ist der Spritverbrauch für ein derart leistungsstarkes Auto unter den zugrundeliegenden Einsatzbedingungen als äußerst akzeptabel zu bewerten.

Was auch für die Preisgestaltung gilt: Für 22.275 Euro schnürt VW mit dem Polo GTI als Handschalter ein äußerst attraktives Gesamtpaket für Leute, die häufig schnell und meistens auf der Landstraße oder in der Stadt unterwegs sind. Wer die Größe eines Golf GTI nicht braucht, ist mit diesem Polo bestens bedient. Und er fährt wirklich einen echten GTI. Soviel ist nach diesem Test sicher.

Technische Daten*:
Modell: VW Polo GTI 1.8 TSI
Motor: Reihen-Vierzylinder, Turbolader, 1.798 ccm
Leistung: 192 PS (141 kW) zwischen 5.400 und 6200 U/min
Drehmoment: 250 Nm zwischen 1.300 und 5.400 U/min
Antrieb: Vorderradantrieb, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe DSG
Verbrauch (ECE): 5,6 L/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 6,7 Sek.
Höchstgeschwindigkeit: 236 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 3,98  /1,68 /1,75 Meter
Gewicht: 1.280 Kg
Grundpreis: 23.750 Euro

*Herstellerangaben

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